Johannes Hospiz

Hellweg & HinzenDer Grundkurs

Im Sommer 2013 wurden wir Hospizmitarbeiter – und unsere Bewohner – in Bewegung gebracht. In zwei Gruppen, jeweils zur Hälfte Pflegende des Johannes-Hospizes und des Hospizes Lebenshaus, durften wir an einem dreitägigen Maietta-Hatch (MH) Kinaesthetics Grundkurs mit Oliver Härting (move life balance) als erfahrenem Trainer teilnehmen.

Wir lernten die Konzepte Interaktion, funktionale Anatomie, menschliche Bewegung, Anstrengung, menschliche Funktion und Umgebung kennen, wendeten sie an und übten das Handling. Verschiedene Situationen wurden durchgespielt: „Wie machen wir es bislang?“ Nach der Vermittlung von Konzeptwissen stellten wir uns die Frage: „Wie können wir es besser machen?“


Es geht darum, die Bewohner physiologisch, sicher und ohne großen Kraftaufwand zu bewegen bzw. ihre Bewegung zu unterstützen. Hierbei spielen auch die Nutzung von Sprache und Blickrichtung sowie die Zeit- und Raumgestaltung eine Rolle. Die eigene Gesunderhaltung war ebenfalls ein Thema, z.B. in Form des „Guten-Morgen-Rituals“ oder der Thera-Band-Übungen.


An unserer eigenen Bewegung (und der von Babys) konnten wir Grundprinzipien menschlicher Bewegungsabläufe beobachten. Neben der Erfahrung des eigenen Körpers haben wir zu zweit oder dritt am Boden und an den Betten der Familienzimmer geübt. Wir haben dabei viel gelacht, das gemeinsame Tun und auch der Austausch mit den Kollegen aus dem Lebenshaus waren ein großer Gewinn. Oliver Härting hat uns viele Bilder und Ideen mitgegeben, die wir so schnell nicht vergessen werden.


Die Praxisbegleitungen.

Hatten wir auch schon im Kurs typische Situationen im Hospiz und die Situation einzelner Bewohner vor Augen, wurde das Gelernte in den folgenden Praxisbegleitungen mit Oliver Härting und in der täglichen Arbeit mit den Kollegen angewandt. Die Umsetzung ist wichtig, braucht aber Zeit. Nicht alles klappt sofort und lässt sich unmittelbar übertragen. Wichtig ist es, zu zweit zu üben, sich gegenseitig Tipps zu geben und Bewegungsabläufe auszuprobieren. In den Praxisbegleitungen wurde Konzeptwissen vertieft und ein Bogen eingeführt, auf dem die erprobten Wege der Mobilisation der einzelnen Bewohner für alle Mitarbeiter festgehalten werden.


Ich durfte in der Praxisbegleitung lernen, meine Annahmen zu überprüfen, meinen Blick zu verändern und in eine andere Richtung zu denken. Grundlegend sind immer die Beobachtung, die Analyse und das Nutzen der Bewegungsmuster und Fähigkeiten des Bewohners und die Klarheit über das Ziel, das ich verfolge. Ich konnte das Handling beim kopf- und seitwärts „Gehen“ im Bett, beim Drehen auf die Seite, beim Transfer vom Liegen zum Sitzen auf der Bettkante und bei der Positionsunterstützung üben und vertiefen.


Und für mich noch viel wichtiger: Ich durfte miterleben, wie bei einer unruhigen, desorientierten und bislang bettlägerigen Bewohnerin die Hochlagerung des Oberkörpers zu einem guten Überblick und einem Mittun beim Waschen und Ankleiden führte, wie ihr das Einbeziehen ihrer eigenen Hände beim Eincremen und das Aufstellen der Beine eine deutliche Körperwahrnehmung ermöglichte, und wie das Erkennen ihrer Fähigkeit, den Kopf selbst zu halten, ihr und mir das Kämmen ihrer Haare erleichterte. Oliver Härting vermutete, dass sie auch ihren Oberkörper halten und gezielte Bewegungen ausführen kann, er sah die Möglichkeit, ihre knöchernen Strukturen für die Mobilisation zu nutzen, und schlug vor, ihr das Sitzen auf der Bettkante zu ermöglichen. Zu meinem Erstaunen saß sie dort fast zehn Minuten stabil, nahm wach ihre Umgebung war, kramte in ihrem Nachtschränkchen und rief nicht mehr verzweifelt nach ihrer Schwester und ihrem Mann. Anschließend schlief sie entspannt.


MH Kinaesthetics im Hospiz

Oliver Härting hatte vor dem Kurs einen Tag lang bei uns hospitiert, um die Besonderheiten der Arbeit im Hospiz kennenzulernen. Kinaesthetics auf die Situation im Hospiz anzuwenden und umsetzbar zu machen, war uns sehr wichtig, und dieser Wunsch wurde erfüllt, z.B. mit Hinweisen auf die Mobilisation bei Knochenmetastasen, darauf, dass die Dekubitusprophylaxe – bei aller Wichtigkeit – nicht die einzige Leitlinie sein darf, und mit dem Ausprobieren von für uns und die sterbenden Bewohner realistischen Wegen der Mobilisation.

Wir haben gelernt, dass alles Leben  Bewegung ist – auch das Sterben. Der Mensch lernt durch Bewegung, und deshalb können auch in der Sterbephase kleine Positionsveränderungen sinnvoll sein. Bewegung hat Auswirkungen auf verschiedenste Bereiche, so kann sie Orientierung fördern und Spannung ausgleichen, und verschiedenste Aktivitäten haben mit Bewegung zu tun, nicht nur das Sitzen oder Gehen, sondern auch das Waschen oder Essen. Wir können ein Angebot machen, und der Bewohner entscheidet, ob er es nutzt. Grundlegend und besonders erhellend war für mich der Hinweis beim Thema Positionierung, dass ein Bewohner, um sterben zu können, nicht mit Haltearbeit beschäftigt sein darf, damit er loslassen kann.

Eva Rünker
Diplom-Theologin
Gesundheits- und Krankenpflegerin
im Johannes-Hospiz




 

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